Mehr über Musik- und Gesangstherapie



"Das Singen ist zuerst der innere Tanz des Atems, der Seele, aber es kann auch unsere Körper aus jeglicher Erstarrungbefreien und uns den Rhythmus des Lebens lehren“.

Y. Menuhin

Im Rhythmus des Lebens bewegt sich die gesamte Schöpfung und jeder Mensch schwingt darin auf seine ihm eigene Art. Wenn wir unseren Blick in die Natur richten, sehen wir dies in den Jahreszeiten, in Tag und Nacht, im Aufblühen und wieder Vergehen der Pflanzen. Auch im Menschen kann man Rhythmen in vielen Vorgängen beobachten:

- Schlafen und Wachen,

- Ein-und Ausatmung,

- auf- und abbauende Stoffwechselprozesse,

- aktive Phasen und Ruhephasen,

- Herzschlag und Atemrhythmus,

- Zuhören und Sprechen.

Der Mensch kann sich die Aufgabe stellen, in diesem „Rhythmus des Lebens“ immer wieder aufs Neue nach seinem inneren und äußeren Gleichgewicht zu suchen. Ist er in der Lage immer wieder die Balance in diesem labilen Gleichgewicht zu finden, so ist er gesund. Das heutige Leben bietet vielerlei Möglichkeiten durch physische oder psychische Einflüsse aus dem Gleichgewicht zu geraten. Körper und Seele zeigen dies durch das Auftreten verschiedener Krankheitssymptome.

Dann bieten Musik- und Gesangstherapie eine Möglichkeit, durch künstlerische Betätigung die Selbstheilungskräfte anzuregen und einen Gesundungsprozess unterstützend zu begleiten. Hat beispielsweise ein schreckhaftes Erlebnis den Atem zum Stocken gebracht, so kann durch fließende, harmonische Melodien ein neues Gleichgewicht hergestellt werden.

Die Aufgabe des Therapeuten in diesem Prozess besteht darin, in feinem Hinlauschen auf die Fragen des Klienten Übungen zu finden, die in diesem Moment helfen, einen Schritt auf das eigene innere Gleichgewicht hin zu machen.

Dabei stehen verschiedenste Mittel zur Verfügung. Sowohl für die Musik-, als auch für die Gesangstherapie können wir uns der einzelnen musikalischen Elemente bedienen:

-Im Umgang mit dem Rhythmischen in der Musik kann der Mensch sich getragen fühlen vom beruhigenden oder anregenden Pulsen des musikalischen Stromes. So wird ein schneller, strömender Rhythmus bei einem lethargischen Menschen neue aktivierende Impulse geben können, während ein ruhiger, getragener Rhythmus z.B. einen zu raschen Pulsschlag beruhigen kann.

-Über den Atem als Träger des musikalischen Stromes kann diese anregende oder beruhigende Wirkung bis in seelische oder körperliche Funktionen hinein erlebt werden.

-Die Intervalle und Einzeltöne bieten wirkungsvolle therapeutische „Medikamente“.

So wirkt eine Sekunde mit ihrem strömenden, fortschreitenden Wesen auf den Menschen ganz anders als eine Quinte, die in ihrem Charakter eher eine Atmosphäre der Geborgenheit und eine atmende Ruhe ausströmt.

-Der Takt schließlich kann durch seine verschiedenen Möglichkeiten des Strukturierens ein besseres Gehaltenwerden in der Umgebung fördern. Dabei bieten die verschiedenen Taktarten sehr unterschiedliche Wege an. Ein schwingender 6/8-Takt gibt ein völlig anderes Gerüst als ein klarer, vorwärtsschreitender 4/4-Takt.

All diese Elemente setzen wir sowohl in der Musik-, als auch in der Gesangstherapie ein.

Das Spezielle der Musiktherapie besteht in den vielen Instrumenten, die uns für die Arbeit zur Verfügung stehen.

Dabei verwenden wir viele Instrumente, die ganz ohne musikalische Vorkenntnisse zu bespielen sind und oft eigens für die Therapie entwickelt wurden.

Wir können die Instrumente unterteilen in:

-Blasinstrumente

-Streich- und Zupfinstrumente

-Schlaginstrumente

Dabei besteht eine Verbindung zwischen der menschlichen Organisation und der Musik. Beim menschlichen Organismus können wir unterscheiden in Kopf, Brustregion und Glieder mit ihren Funktionen der Sinne und Nerven, des Atems und des Herzschlags und des Stoffwechsels und der Bewegung. Diesen drei Regionen entsprechen in der Musik Melodie, Harmonie und Rhythmus. Dabei können wir die Blasinstrumente der Melodie, die Streich,-und Zupfinstrumente der Harmonie und die Schlaginstrumente dem Rhythmus zuordnen.

Dies hier näher auszuführen sprengt den Rahmen dieser Ausführungen, deshalb lasse ich es einfach so stehen. Vielleicht kann ein einfaches Beispiel noch ein wenig Klarheit schaffen.

Stellen sie sich einen Menschen mit Bluthochdruck, beschleunigter, oberflächlicher Atmung und Herzrasen vor. Therapeutisches Ziel wäre hier, eine Atmosphäre der Ruhe und Weite für den Klienten zu schaffen, in der sich Atmung und Herzschlag beruhigen können. Damit würde ein besseres, entspannteres Lebensgefühl einhergehen.

In der Musiktherapie würde meine Wahl hier auf tiefe Streichinstrumente wie die Chrotta fallen. Im Streichen langer Töne auf leeren Saiten kann eine deutliche Atemberuhigung und Vertiefung beobachtet werden. Auch die oben schon erwähnte Quinte würde ich hier als musikalisches Element wählen. Außerdem könnte diesem Menschen durch eine gezielt für ihn komponierte Hörtherapie, die auf einer tiefen Leier gespielt wird, geholfen werden.

So wie wir in der Musiktherapie die Instrumente haben, dienen uns in der Gesangstherapie die Vokale und Konsonanten in Kombination mit den oben erwähnten musikalischen Elementen. Der Atem als Träger der menschlichen Stimme kann helfen, den gesamten Menschen in eine klingende Säule zu verwandeln. Dabei können die Konsonanten bestimmte Körperregionen ansprechen und mit der heilenden Kraft des Atems Blockaden lösen helfen. Die Vokale sind dabei Träger des Klanges und gleichzeitig in ihrer Verschiedenheit auch Vermittler unterschiedlicher Emotionen.

 

So kann Singen zugleich Bewegung ins Eigenste sein, gar eine sanfte Revolution der Befriedung auslösen und vielleicht uns Menschen zunehmend aus lebensfeindlichen persönlichen und gesellschaftlichen Strukturen herauslösen helfen.“

Y. Menuhin